Warum wirkt Kaffee abführend? Ursachen und Studienlage

Rund 29 Prozent der Menschen bekommen von Kaffee Stuhldrang. Was Gastrin, der gastrokolische Reflex und die Dickdarmmotorik damit zu tun haben und warum entkoffeinierter Kaffee ebenfalls wirkt.

Kaffeewissen Veröffentlicht am 5 Min. Lesezeit

In diesem Artikel
  1. Wie viele Menschen es tatsächlich betrifft
  2. Der Weg vom Schluck bis zum Drang
  3. Warum entkoffeinierter Kaffee ebenfalls wirkt
  4. Warum morgens mehr passiert als nachmittags
  5. Was den Effekt zusätzlich verstärkt
  6. Wann ein Arztbesuch angebracht ist
  7. Fazit
  8. Häufige Fragen

Bei manchen Menschen dauert es nach der ersten Tasse keine zehn Minuten bis zum Gang auf die Toilette, andere kennen das Phänomen überhaupt nicht. Beide Gruppen haben recht, denn der Effekt ist gut untersucht und betrifft eine klar umrissene Minderheit. Dieser Artikel geht den Weg vom Schluck bis zum Drang durch und erklärt, warum entkoffeinierter Kaffee ebenfalls wirkt.

Wie viele Menschen es tatsächlich betrifft

Die Grundlage liefert eine Arbeit von S. R. Brown und Kollegen, 1990 in der Fachzeitschrift Gut veröffentlicht. Die Forscher befragten zunächst 99 gesunde Freiwillige im Alter von 17 bis 27 Jahren zu ihren Toilettengewohnheiten in Zusammenhang mit Getränken.

29 Prozent gaben an, dass Kaffee bei ihnen den Drang zum Stuhlgang auslöst. Unter diesen Betroffenen lag der Frauenanteil bei 63 Prozent, der Effekt tritt bei Frauen also häufiger auf.

Der interessante Teil folgte danach. An 14 Personen maßen die Forscher die Darmbewegung im Enddarm direkt, über eine Sonde mit mehreren Druckaufnehmern. Acht dieser Personen hatten den Effekt vorher berichtet, sechs nicht. Das Ergebnis war eindeutig:

  • Bei den acht Betroffenen stieg der Motilitätsindex innerhalb von vier Minuten nach dem Trinken deutlich an und blieb mindestens 30 Minuten erhöht.
  • Bei den sechs Nicht-Betroffenen änderte sich nichts.
  • Der Anstieg trat bei koffeinhaltigem und entkoffeiniertem Kaffee auf.

Das macht aus einer Alltagsbeobachtung eine messbare Veranlagung. Wer den Effekt nicht kennt, bildet sich das nicht ein, sein Darm reagiert schlicht anders.

Der Weg vom Schluck bis zum Drang

Vier Minuten sind zu kurz für eine Verdauungspassage. Vom Magen bis in den Dickdarm braucht Nahrung mehrere Stunden. Der Kaffee kann also unmöglich vor Ort wirken, wenn sich die Darmbewegung nach vier Minuten ändert. Was hier arbeitet, ist ein Signalweg.

Schematischer Verdauungstrakt mit dem Reizweg von der Kaffeetasse bis zum Stuhldrang in vier nummerierten Stationen mit Zeitmarken. Station eins zeigt die Tasse zum Zeitpunkt null Minuten. Station zwei zeigt den Magen, in dem die Flüssigkeit die Magenwand dehnt und Chlorogensäuren die Ausschüttung von Magensäure und dem Hormon Gastrin anregen. Ein gestrichelter Signalpfeil führt von dort weg und ist als Nervensignal beschriftet. Station drei liegt am Querkolon und am absteigenden Dickdarm, wo die Motorik innerhalb von vier Minuten ansteigt. Station vier liegt am Enddarm im Bereich Rektosigmoid, wo der Drang entsteht und die erhöhte Motorik mindestens dreißig Minuten anhält. Unten steht ein Balkenvergleich der Reizstärke am Dickdarm mit Wasser als Bezugswert von einhundert Prozent, entkoffeiniertem Kaffee bei etwa einhundertdreißig Prozent und koffeinhaltigem Kaffee bei einhundertsechzig Prozent, was einer vollen Mahlzeit von tausend Kilokalorien entspricht. Ein Hinweiskasten stellt klar, dass der Kaffee nach vier Minuten den Dickdarm noch gar nicht erreicht hat und die Wirkung deshalb über ein Nervensignal läuft.

Nach vier Minuten steckt der Kaffee noch im Magen. Was den Dickdarm erreicht, ist bis dahin allein das Nervensignal.

Der Ablauf läuft in vier Schritten ab.

1. Der Magen wird gedehnt. Eine Tasse bringt 150 bis 250 Milliliter Flüssigkeit auf einmal in den Magen. Dehnungsrezeptoren in der Magenwand melden das weiter.

2. Magensäure und Gastrin steigen. Kaffee regt die Produktion von Magensäure an, und zwar in koffeinhaltiger wie in entkoffeinierter Form. Dabei wird das Hormon Gastrin ausgeschüttet, das die Magenbewegung steuert und am gastrokolischen Reflex beteiligt ist. Verantwortlich dafür sind unter anderem die Chlorogensäuren, jene Stoffgruppe, die auch den Säureeindruck der Tasse mitbestimmt.

3. Der gastrokolische Reflex wird ausgelöst. Dieser Reflex koppelt Magen und Dickdarm: Wird der Magen gefüllt, steigert der Dickdarm seine Aktivität, um Platz zu schaffen. Das ist eine normale Funktion, jede größere Mahlzeit löst sie ebenfalls aus.

4. Der Dickdarm bewegt sich. Die Aktivität steigt zuerst im Querkolon und im absteigenden Teil, danach im Enddarm. Dort entsteht der Drang.

Warum entkoffeinierter Kaffee ebenfalls wirkt

Der zweite große Datensatz stammt von S. S. C. Rao und Kollegen aus dem Jahr 1998. Zwölf gesunde Personen trugen über zehn Stunden eine Sonde mit sechs Sensoren im Dickdarm und bekamen nacheinander vier Reize: je 240 Milliliter schwarzen Kaffee mit 150 Milligramm Koffein, entkoffeinierten Kaffee, Wasser sowie eine Mahlzeit mit 1.000 Kilokalorien.

ReizWirkung auf die Dickdarmmotorik
WasserBezugswert
Entkoffeinierter Kaffeerund 30 % über Wasser
Koffeinhaltiger Kaffee60 % über Wasser, 23 % über entkoffeiniertem
Mahlzeit mit 1.000 kcalähnlich stark wie koffeinhaltiger Kaffee

Zwei Befunde stechen heraus. Erstens erreicht eine einzelne Tasse Kaffee die Wirkung einer kompletten Mahlzeit auf den Dickdarm. Zweitens wirkt auch die entkoffeinierte Variante deutlich stärker als Wasser, womit Koffein als alleinige Erklärung ausscheidet.

Beteiligt sind wahrscheinlich mehrere Bestandteile. Diskutiert werden neben den Chlorogensäuren auch Röstprodukte und die Wirkung auf das Hormon Cholecystokinin, das die Gallenblase zur Entleerung anregt. Gallensäuren wiederum wirken im Dickdarm selbst motilitätssteigernd. Wer stattdessen auf entkoffeinierten Kaffee ausweicht, wird den Effekt also abschwächen und selten ganz loswerden.

Warum morgens mehr passiert als nachmittags

Der gastrokolische Reflex folgt einem Tagesrhythmus. Nach dem Aufwachen steigt die Dickdarmaktivität von selbst an, noch bevor irgendetwas gegessen wird. Der Körper bereitet die Entleerung vor.

Kaffee am Morgen trifft damit auf einen bereits aktivierten Darm und verstärkt eine laufende Bewegung. Derselbe Kaffee um 15 Uhr trifft auf ein ruhigeres System. Dazu kommt der leere Magen: Ohne Frühstück davor erreicht die Flüssigkeit die Magenwand unmittelbar, was die Dehnungsreize verstärkt.

Wer den Effekt dämpfen möchte, hat damit zwei praktische Ansatzpunkte: den Kaffee nach dem Essen trinken statt davor, und die Menge auf eine Tasse begrenzen, bevor eine zweite folgt.

Was den Effekt zusätzlich verstärkt

Neben der Tageszeit spielen weitere Faktoren mit hinein.

  • Milch. Bei Laktoseintoleranz gelangt ungespaltene Laktose in den Dickdarm, wo Bakterien sie vergären. Das erzeugt Gas und zieht Wasser ins Darminnere. Ein Test mit schwarzem Kaffee trennt die beiden Ursachen sauber.
  • Zucker und Süßstoffe. Zuckeralkohole wie Sorbit oder Xylit in Sirupsorten wirken osmotisch und binden Wasser im Darm.
  • Die Menge. Zwei bis drei Tassen kurz hintereinander dehnen den Magen stärker als eine.
  • Temperatur. Sehr heiße Getränke lösen den Reflex etwas kräftiger aus als lauwarme, wobei der Unterschied klein bleibt.
  • Stress und Anspannung. Das vegetative Nervensystem steuert die Darmmotorik mit. Kaffee in einer hektischen Situation wirkt anders als am ruhigen Wochenende.

Wann ein Arztbesuch angebracht ist

Die beschriebene Reaktion ist bei Gesunden harmlos und beschreibt eine normale Funktion des Verdauungssystems. Es gibt allerdings Warnzeichen, bei denen die Ursache woanders liegen kann und eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist:

  • Durchfall über mehrere Tage oder in Verbindung mit Fieber
  • krampfartige Bauchschmerzen, die nach dem Stuhlgang bleiben
  • Blut oder Schleim im Stuhl
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • ein plötzlich veränderter Rhythmus, der vorher jahrelang stabil war

Hinter solchen Zeichen können ein Reizdarmsyndrom, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder eine entzündliche Darmerkrankung stehen. Kaffee ist dann höchstens ein Auslöser, der ein bestehendes Problem sichtbar macht.

Fazit

Kaffee bringt den Dickdarm in Bewegung, und das messbar schnell: Bei empfindlichen Personen steigt die Motorik binnen vier Minuten und bleibt mindestens eine halbe Stunde erhöht. Betroffen ist rund ein Drittel der Menschen, Frauen häufiger als Männer.

Der Weg läuft über ein Signal. Die Tasse dehnt den Magen, regt Magensäure und Gastrin an und löst darüber den gastrokolischen Reflex aus, der den Dickdarm aktiviert. Weil auch entkoffeinierter Kaffee 30 Prozent über Wasser liegt, erklärt Koffein allein den Effekt nur zum Teil. Die Chlorogensäuren und weitere Röstbestandteile arbeiten mit.

Praktisch heißt das: Wer den Effekt dämpfen möchte, trinkt die erste Tasse nach dem Frühstück statt auf leeren Magen und prüft mit einem schwarzen Kaffee, ob die Milch beteiligt ist. Wer wissen will, wie viel Koffein dabei überhaupt im Spiel ist, findet die Werte je Portion im Koffein-Vergleich mit Red Bull.

Häufige Fragen

Warum muss man von Kaffee auf die Toilette?

Kaffee steigert die Bewegung des Dickdarms. In einer Manometrie-Studie stieg der Motilitätsindex im Enddarm bei betroffenen Personen bereits innerhalb von vier Minuten nach dem Trinken und blieb mindestens 30 Minuten erhöht. Ausgelöst wird das über die Magendehnung, die Anregung der Magensäure und die Ausschüttung des Hormons Gastrin, das den gastrokolischen Reflex mitsteuert. Der Weg von der Tasse zum Drang läuft damit über ein Nervensignal, lange bevor der Kaffee den Dickdarm überhaupt erreicht.

Wie viele Menschen betrifft das?

In einer Befragung von 99 gesunden Freiwilligen im Alter von 17 bis 27 Jahren gaben 29 Prozent an, dass Kaffee bei ihnen Stuhldrang auslöst. Unter diesen Betroffenen waren 63 Prozent Frauen. Die anschließende Messung zeigte, dass die Darmmotorik tatsächlich nur bei den Personen anstieg, die den Effekt vorher berichtet hatten. Bei den übrigen blieb sie unverändert, es handelt sich also um eine echte individuelle Veranlagung.

Wirkt entkoffeinierter Kaffee auch abführend?

Ja, deutlich schwächer als koffeinhaltiger, aber stärker als Wasser. In einer Messung der Dickdarmmotorik lag koffeinhaltiger Kaffee 60 Prozent über Wasser und 23 Prozent über entkoffeiniertem Kaffee. Das ist der wichtigste Hinweis darauf, dass Koffein allein den Effekt nicht erklärt. Andere Bestandteile des Kaffees, darunter die Chlorogensäuren, tragen ihren Teil bei.

Wie lange dauert es, bis Kaffee wirkt?

Bei empfindlichen Personen setzt die gesteigerte Darmbewegung innerhalb von vier Minuten nach dem Trinken ein, der Drang folgt meist nach 5 bis 30 Minuten. Diese Geschwindigkeit ist der Beleg dafür, dass der Kaffee selbst noch nicht im Dickdarm angekommen sein kann. Die Passage vom Magen bis dorthin dauert Stunden. Ausgelöst wird die Bewegung also über ein Nervensignal aus dem Magen.

Warum wirkt Kaffee morgens stärker?

Der gastrokolische Reflex ist am Morgen besonders aktiv. Nach dem Aufwachen steigt die Aktivität des Dickdarms von selbst an, unabhängig vom Frühstück. Kaffee trifft also auf einen ohnehin gereizten Darm und verstärkt eine bereits laufende Bewegung. Derselbe Kaffee am Nachmittag löst bei vielen Menschen deutlich weniger aus.

Ist die abführende Wirkung schädlich?

Für gesunde Menschen ist sie unbedenklich, sie beschreibt eine normale Reaktion des Verdauungssystems. Problematisch wird es, wenn Beschwerden dazukommen: krampfartige Schmerzen, Durchfall über mehrere Tage, Blut im Stuhl oder ungewollter Gewichtsverlust. Solche Zeichen gehören ärztlich abgeklärt, weil dahinter Erkrankungen wie ein Reizdarmsyndrom oder eine entzündliche Darmerkrankung stehen können.

Hilft Kaffee gegen Verstopfung?

Bei den rund 29 Prozent, die auf Kaffee reagieren, kann eine Tasse am Morgen den Stuhlgang anstoßen. Als Dauerlösung taugt das wenig, weil der Effekt individuell schwankt und bei zwei von drei Menschen ausbleibt. Nach Operationen am Darm wird Kaffee dagegen gezielt untersucht, um die Darmtätigkeit schneller in Gang zu bringen.

Warum wirkt Kaffee mit Milch anders?

Milch bringt zwei zusätzliche Faktoren mit. Laktose wird bei Menschen mit Laktoseintoleranz im Dünndarm unzureichend gespalten und erreicht den Dickdarm, wo Bakterien sie vergären. Das erzeugt Gase und zieht Wasser an. Außerdem vergrößert Milch das Volumen im Magen, was die Dehnung und damit den gastrokolischen Reflex verstärkt. Wer den Effekt eingrenzen möchte, testet den Kaffee einmal schwarz.

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